Die Kirche – Brüttens Wahrzeichen
Die Kirche von Brütten liegt am nördlichen Rand des Dorfs, wirkt aber trotzdem, als ob sie sein Zentrum wäre. Der markante Bau aus Lägern-Kalkstein mit seinem imposanten Turm wurde 1907/08 gebaut. Die Geschichte des Gotteshauses beginnt aber schon tausend Jahre früher.
von Cornel Dora

Es ist den alemannischen Siedlerinnen und Siedlern zu verdanken, dass nicht die zerfallende römische Wegstation bei der Steinmüri in der Zeit vom 5. bis 9. Jahrhundert zum Dorfzentrum von Brütten wurde, sondern der markantere Abhang beim Buck. Die Errichtung einer Kirche an dieser Stelle im Frühmittelalter und die Bildung des Oberdorfs um sie herum ist bis heute prägend für die bauliche Entwicklung Brüttens.1
Weil das Gotteshaus im Mittelalter dem heiligen Gallus geweiht war, ist anzunehmen, dass seine Anfänge in die Zeit um 900 fallen, als das Kloster St. Gallen wichtigster Grundherr im Ort war.2 Im Jahr 979 ist dann erstmals die Zugehörigkeit zum Kloster Einsiedeln bezeugt, das bis 1834, also während fast neun Jahrhunderten, Inhaber grundlegender Rechte in der Gemeinde blieb.3
Die alte Kirche
Ursprünglich war die Kirche Brütten ein kleines Holzkirchlein ohne Turm mit einem Altar gegen Osten. Über die Jahrhunderte wurde es immer wieder erneuert und den Bedürfnissen angepasst. So wich der Holz- im 12. Jahrhundert einem 11.50 Meter langen und 5.35 Meter breiten Steinbau.4 Um 1320 wurden künstlerisch bemerkenswerte Malereien im Stil der berühmten Manesse-Bilderhandschrift angebracht, die in der Reformationszeit übermalt wurden und erst beim Abbruch der Kirche 1907 wieder zum Vorschein kamen.5 In der Zeit um 1500 wurde zudem ein kleines Türmchen mit zwei Glocken aufgesetzt.6 Südlich vor der Kirche lag der Gemeindefriedhof.7 1898 entschied die Gemeinde, anstelle einer weiteren Reparatur die alte Kirche abzubrechen und einen Neubau zu projektieren.8

2 Die 1907 abgebrochene alte Kirche von Brütten reichte in ihrer baulichen Substanz ins Mittelalter zurück. Sie war gegenüber der heutigen Kirche um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht. Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur. Foto: Otto Rutschmann, um 1900
Die heutige Kirche
Die heutige Kirche wurde 1907/08 erbaut. Sie ist ein architektonischer Wurf, der mit einigem Glück entstand, denn erst nach verschiedenen Irrungen und Wirrungen erhielt das Winterthurer Architekturbüro Rittmeyer und Furrer den Auftrag für das Projekt.9 Der weithin sichtbare Turm aus gelblichem Lägern-Kalkstein setzte einen kräftigen neuen Akzent in der Landschaft.10
3 Glockenspiel der Kirche Brütten. Video: www.quasimodosonneurdecloches.ch
Der Kirchenraum befindet sich auf der Westseite des Turms. Er ist geschmackvoll ausgestattet und zeigt den Einfluss des Jugendstils, etwa im Taufstein und den Fenstern, ebenso in den dekorativen, 1920 nach der Elektrifizierung 1920 hinzugefügten Deckenlampen.11 Die Orgel und die Kanzel wurden aus dem Vorgängerbau übernommen.12 Letztere steht dominant in der Mitte um zu betonen, dass es sich um «eine Kirche des Wortes» handelte – so der Architekt Robert Rittmeyer (1868–1960).13

4 Vorderer Bereich der Kirche. Die Kanzel und die Orgel wurden aus der Vorgängerkirche übernommen. Foto: Bruno Dürmüller
Künstlerisch bemerkenswert in der neuen Kirche sind die Glasarbeiten in den grossen Rundbogenfenstern nach Westen und Süden. Die Entwürfe dazu stammen vom Winterthurer Künstler und Kunstvermittler Carl Montag (1880–1956), der damals in Paris lebte. Montag unterhielt Kontakte mit zahlreichen französischen Künstlern, für die er in der Schweiz denkwürdige Ausstellungen kuratierte.14

5 Die von Carl Montag gestalteten Glasfenster setzen einen sanften modernen Akzent. Foto: Bruno Dürmüller
Mit dem Neubau wurde der Friedhof an den heutigen idyllischen Standort auf die Nordseite der Kirche verlegt.15

6 Ölbergszene im Garten Getsemani, Christus betet rechts in Todesangst, ein Engel links oben zeigt ihm den Leidenskelch, während links unten die Jünger schlafen. Wandmalerei aus der Kirche Brütten, Nordwand, um 1320, 1907 im Strappoverfahren abgelöst. Zürich, Schweizerisches Landesmuseum, Inventarnummer LM-10660. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

7 Der heilige Joseph, Detail der Darstellung des Besuchs der Drei Könige beim Jesuskinds. Wandmalerei aus der Kirche Brütten, Südwand, um 1320, 1907 im Strappoverfahren abgelöst. Zürich, Schweizerisches Landesmuseum, Inventarnummer LM-10659. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum
Malereien im Manesse-Stil
Ab etwa 1290 wurde das alte mittelalterliche Kirchlein in mehreren Schritten mit qualitativ sehr guten Wandgemälden geschmückt, die in der Reformation übertüncht wurden, aber beim Abbruch 1907 wieder zum Vorschein kamen. Einige von ihnen zeigen stilistische Ähnlichkeit mit der in Zürich um 1300 entstandenen Manesse-Liederhandschrift. Die beiden am besten erhaltenen Teile aus der Zeit um 1320 wurden im «Strappo-Verfahren» gesichert und auf Leinwand übertragen. Sie befinden sich heute in der Sammlung der Schweizerischen Landesmuseums Zürich. Weitere Reste wurden abgepaust. Der Vorgang wurde von Karl Rudolf Rahn in einem wissenschaftlichen Aufsatz dokumentiert.16

8 Die Kirche mit dem früher dorfseits gelegenen Friedhof. Adrian Morf. Foto: Bruno Dürmüller.
Umschlag: Die Kirche Brütten von Norden betrachtet in 2021. Foto: Martin Kuhn
- Hermann Walser und Paul F. Walser, Das kirchliche Leben von der Frühzeit bis zur Gegenwart, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 79–110, hier S. 103; Hans Martin Gubler, Brütten, in: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Band VII, Der Bezirk Winterthur, südlicher Teil, Basel 1986, S. 213 – 239, hier S. 231–232; Ders., Reformierte Kirche Brütten ZH, Bern 1986, S. 2–3; Emil Stauber, Bilder aus der Geschichte der Gemeinde Brütten. Zur Erinnerung an die Einweihung der neuen Kirche, 27. September 1908, Brütten 1908. ↩︎
- Urkunde Rickarts und des Kloster St.Gallens, Wängi, 19. Juli 876, im Stiftsarchiv St.Gallen, IV 335, https://www.e-chartae.ch/de/charters/view/235 (abgerufen 01.11.2024). ↩︎
- Urkunde Kaisers Ottos II., Ehrenstein, 15. Januar 979 (Fälschung, aber in den Brüttener Angaben zutreffend), im Stiftsarchiv Einsiedeln, A.I.9; Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, hrsg. von der Commission der antiquarischen Gesellschaft in Zürich, bearb. von J. Escher und P. Schweizer, Band 1, Zürich 1888–1890, S. 112 – 113 (Nr. 220); vgl. auch Urkunde Kaiser Ottos III., Bruchsal, 31. Oktober 996, im Stiftsarchiv Einsiedeln, B.I.7; Documenta Archivii Einsidlensis, hrsg. von Placidus Reimann, Band 2, Einsiedeln 1670, S. G 32–33 (Nr. XXXI) https://archiv.kloster-einsiedeln.ch/objects/80458/viewer?position=67 (abgerufen 02.11.2024); Hans Kläui, Vom römischen Landgut Landgut zur politischen Gemeinde, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 11–78, hier S. 26–27; Gubler, Brütten, in: KDMZH VII, S. 214. ↩︎
- Johann Rudolf Rahn, Die Wandgemälde in der Kirche Brütten, in: Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Neue Folge 9 (1907), S. 204–212, hier S. 204. ↩︎
- Vgl. unten Anm. 16. ↩︎
- Zur Baugeschichte der alten Kirche: Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 219–226; Stauber, Bilder aus der Geschichte der Gemeinde Brütten (Anm. 1), S. 30–34; Walser/Walser, Das kirchliche Leben von der Frühzeit bis zur Gegenwart (Anm. 1), S. 103–104. ↩︎
- Stauber, Bilder aus der Geschichte der Gemeinde Brütten (Anm. 1), S. 35. ↩︎
- Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 221–222. ↩︎
- Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 226–228; Ders., Reformierte Kirche Brütten (Anm. 1), S. 4–6; Die neue Kirche in Brütten, in: Schweizerische Bauzeitung 53/54 (1909), S. 230–233. ↩︎
- Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 231–232; Ders., Reformierte Kirche Brütten (Anm. 1), S. 8. ↩︎
- Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 229–230 und 232–234; Ders., Reformierte Kirche Brütten (Anm. 1), S. 10–11. ↩︎
- Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 220 (Kanzel), 221 (Orgel), 228–230, 232; Ders., Reformierte Kirche Brütten (Anm. 1), S. 10–11. ↩︎
- Gubler, Reformierte Kirche Brütten (Anm. 1), S. 13. ↩︎
- Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 232–233; Ders., Reformierte Kirche Brütten (Anm. 1), S. 10–12. ↩︎
- Stauber, Bilder aus der Geschichte der Gemeinde Brütten (Anm. 1), S. 35. ↩︎
- Johann Rudolf Rahn, Die Wandgemälde in der Kirche Brütten (Anm. 5); Lucas Wüthrich, Wandgemälde. Von Müstair bis Hodler. Katalog der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums Zürich. Zürich 1980, S. 94–96; zur Datierung: Gubler, Brütten, in: KDMZH VII (Anm. 1), S. 226. Entdeckt wurden die Gemälde von Emil Stauber, vgl. Stauber, Bilder aus der Geschichte der Gemeinde Brütten (Anm. @), S. 35–36. ↩︎