«Das Haus der Zukunft» – von Pionierleistungen und Weltneuheiten
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts baute Brütten wie andere Gemeinden die Infrastruktur sukzessive aus. Als Teststandort für Windkraft und energieautarkes Bauen wurde das Dorf aber auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt.
Das auch «Haus der Zukunft» genannte, 2016 im Hofacker-Quartier errichtete energieautarke Mehrfamilienhaus war eine Weltneuheit. Es wurde von der Umwelt Arena Schweiz und weiteren Baupartnern errichtet und gilt als Pionierprojekt für nachhaltiges Bauen, weil es gänzlich ohne externe Energiequellen auskommt. Neun Haushalte leben hier ausschliesslich von Solarenergie, was durch eine Kombination von Photovoltaikanlagen, Energiespeichern und intelligenter Haustechnik ermöglicht wird.1 Nur etwas mehr als hundert Jahre zuvor gab es in Brütten erstmals elektrisches Licht und eine Wasserversorgung.
1 Das Schweizer Fernsehen berichtete 2016 über das «Haus der Zukunft» in Brütten.
Brütten sucht Anschluss
Im 19. Jahrhundert errichtete die Gemeinde ihre Brunnen neu in Stein. Viele Höfe hatten zudem eigene Quellen, die sie mit Wasser versorgten.2 Um 1900 erstand die Gemeinde mehrere Brunnenquellen, die zusammen das neue Pumpreservoir speisten. Zu den Wohnhäusern wurden Wasserleitungen gelegt.3 Ab 1911 folgte die Elektrifizierung des Dorfs. Zuvor besorgte der Dorfweibel und Nachtwächter die Gasbeleuchtung in den Strassen.4

2 Bild des Brunnens an der Steig von 1794. «Diese ehemals kaum fahrbare Berg Strasse» wurde 1788 bis 1791 als einer der ersten Kunststrassenabschnitte des Kantons Zürich auf acht Meter verbreitert und galt damit als Vorzeigestück im Zürcher Strassenbau. Bild: ZB Zürich, ZH, Brütten I, 3.

3 Strassenkorrektion der Steigstrasse von Brütten nach Töss. Situationsplan von Sigmund Spitteler 1788. Bild: Wikipedia/StAZH PLAN S 100.
Die Verkehrswege um und in Brütten wurden seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ausgebaut. Der Weg von Winterthur nach Zürich über Brütten führte durch die Steig. Sie war eine Schlüsselstelle im Handelsweg zwischen Bodensee und Mittelland.5 Nach dem Bau der Kantonsstrasse durch das Kempttal 1841 ebbte der Verkehr auf diesem Verbindungsweg ab.6
Um 1900 etablierten sich Postkutschenfahrten nach Effretikon.7 Dieses Verkehrsmittel stand jedoch nur begüterten Passagieren zur Verfügung. Die Mehrheit der Bevölkerung Brüttens legte ihre Wege damals zu Fuss oder später mit dem Fahrrad zurück. 1926 zählte das Dorf drei Autos.8 Im gleichen Jahr wurde die Pferdepost durch einen Bus mit sechs Plätzen und neuem Rundkurs abgelöst.9 Er fuhr zweimal täglich, ab 1936 dreimal täglich. Ab 1963 fuhr neu ein Bus zwischen Winterthur und Zürich Flughafen mit Halt in Brütten.

4 Das Postbüro Effretikon mit Postkutschen, 1901. Auch dank dem Engagement des Brüttener Pfarrers Girsberger verkehrten 1901 bis 1926 auf den Linien Brütten-Lindau-Effretikon Pferdekutschen. Rechts der Einspänner von Brütten, der zweimal täglich diese Route fuhr. Friedrich Baltensperger-Gross («Postfritz») aus Brütten lenkte den sogenannten «Pfaffenkarren» oder «Pfaffenbäne», im Winter zuweilen auch einen Postschlitten.10 Bild: bildarchiv.winterthur.ch.
Teststandort für Windkraft
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Brütten zur Versuchsstation für Windkraftanlagen, weil hier dafür optimale Windverhältnisse herrschen.11 Max Schaufelberger von der Windkraft GmbH Winterthur (heute Elwind AG) feilte an den Generatoren, den Propellern und an einer Abschalttechnik bei Sturm und gewann so grundlegende Erkenntnisse für den Bau von Windrädern zur Stromgewinnung.12 Die Anlage existiert noch immer, ist aber nicht mehr in Betrieb. Brütten ist aber weiterhin Standort für Testanlagen der Windkraft. 2024 löste eine rund 23 Meter hohe Vertikalachsen-Testwindturbine der Agile Wind Power die seit 2001 in Betrieb stehende Leichtwindanlage Aventa oberhalb des Hofs Buchsächer ab.13
5 Die Windkraft-Versuchsstation (Haus links) von Max Schaufelberger auf dem Chapf mit WVG5-Windkraftanlage, 1952. Bild: Sammlung Georg Kern.

6 Windkraft-Versuchsstation Brütten mit 3 Windkraftanlagen, im Vordergrund eine W250-Vertikal-Windkraftanlage, 1970er-Jahre. Bild: Sammlung Georg Kern.

7 Die Vertical-Sky-Turbine, eine Windkraftanlage mit vertikaler Drehachse, wird in Brütten getestet, 2026. Foto: Bruno Dürmüller.
Umschlagbild: Das im Jahr 2016 fertiggestellte erste energieautarkes Mehrfamilienhaus in Brütten. Foto: Umweltarena
- Nina Egger, Paul Knüsel: Autarkes Mehrfamilienhaus Brütten (Egoist), in: Tec21,143 (2017) Heft 7–8, S. 26–31, vgl. auch Projektbeschreibung des Architekturbüros auf: https://reneschmid.ch/projekte/detail/erstes-energieautarkes-mehrfamilienhaus-bruetten. ↩︎
- Hans Martin Gubler, Brütten, in: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Band VII, Der Bezirk Winterthur, südlicher Teil, Basel 1986, S. 213–239, hier S. 236f. ↩︎
- Hans Voegeli, Johannes Fisch, Wasser, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 206–209, hier S. 208. ↩︎
- Hedwig Morf, Das Leben in der Gemeinde, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 151–167, S. 158. ↩︎
- Betschart, Andres: Steigbrunnen, in: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 74 (2007), S. 358–359, hier S. 358. Vgl. auch Inventar Historischer Verkehrswege, Strecke ZH 13, Linienführung 3, Abschnitt 2. ↩︎
- Hans Martin Gubler, Brütten, in: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Band VII, Der Bezirk Winterthur, südlicher Teil, Basel 1986, S. 213–239, hier S. 216. Um 1790 waren es etwa 20 Fuhrwerke pro Tag auf dieser Strecke, vgl. Aufzeichnungen aus Töss, StAZH A 131.30. ↩︎
- Verein LindauLebt (Hg.): Die Gemeinde Lindau. Die neuere Geschichte: Gemeinde, Kirche, Schule. Band II. Lindau 2013, S. 158. Online: https://doi.org/10.20384/zop-5812 (abgerufen am 5.7.2026) ↩︎
- Hauschronik Adolf Morf, Eintrag für den 15.8.1926 (Sammlung Hansueli Kägi), vgl. Hansueli Kägi, Postgeschichten, ohne Seitenzahlen. ↩︎
- Kägi, Postgeschichten. ↩︎
- Edith Ehrensperger, Verkehrswege mit Tradition, in: Bus Post Lindau 1987. ↩︎
- Gespräch mit Georg Kern, 8.10.2024. ↩︎
- Siehe dazu https://windkraft-geschichte-winterthur.ch/ (abgerufen am 4.7.2026). ↩︎
- Siehe auch Ueli Spalinger, Schlussbericht Standortabklärung und Messung Leichtwindanlage, 2002. ↩︎