Urkundliche Ersterwähnung von Brütten am 19. Juli 876
Die erste urkundliche Erwähnung von Brütten findet sich in einer Urkunde des Klosters St. Gallen, die im Stiftsarchiv St. Gallen überliefert ist. Am 19. Juli 876 schenkte Richgard, eine Frau, ihren in Brütten ererbten Besitz, «Häuser und andere Gebäude, Felder, Wiesen, Weiden, Wälder, Wege, Gewässer und Wasserläufe, bebauten und unbebauten Boden, bewegliche und unbewegliche Güter und alles, was immer erwähnt oder genannt werden kann» dem Kloster St. Gallen. Dafür erhielt sie zusammen mit ihrem Beistand Ruadho Güter des Klosters in Glattburg bei Oberbüren, welche die beiden bis zu ihrem Tod nutzen konnten. Das Kloster St. Gallen war damals eine angesehene und weit ausstrahlende Institution von europäischer Bedeutung. Der in der Urkunde erwähnte Abt Hartmut gehörte zu den angesehensten Kirchenvertretern seiner Zeit, und der ebenfalls vorkommende Propst Folchart war ein hervorragender Schreiber und Buchmaler, der Schöpfer des nach ihm benannten Folchart-Psalters, einer der schönsten Handschriften des frühen Mittelalters.
von Cornel Dora
Die Urkunde ist in lateinischer Sprache abgefasst. Der Text lautet deutsch wie folgt:
Ich also, Richgard, bedacht auf mein und meiner Eltern Seelenheil und eingedenk des Bibelworts «Gebt, dann wird euch gegeben werden» [Lu 6,38], übertrage gemeinsam mit der Hand meines Beistands Ruadho dem Kloster des heiligen Gallus alles Erbgut, das mir am Ort im Thurgau gehört, der Brütten genannt wird, nämlich Häuser und andere Gebäude, Felder, Wiesen, Weiden, Wälder, Wege, Gewässer und Wasserläufe, bebauten und unbebauten Boden, bewegliche und unbewegliche Güter und alles, was immer erwähnt oder genannt werden kann. Ich will, dass alles als Ganzes auf das vorerwähnte Kloster des heiligen Gallus übertragen und ihm zugeteilt wird, dem zurzeit bekanntlich der ehrwürdige Abt Hartmut vorsteht, um es gegen jeden Widerspruch ewig zu besitzen, mit der Abmachung jedoch, dass ich selbst, Richgard, und mein Beistand Ruadho von den Vorstehern ebendieses Klosters das erhalten, was sie am Ort im Thurgau haben, der Glattburg genannt wird, und dass wir dieses solange wir leben gegen jeden Widerspruch besitzen können. Nach dem Tod von uns beiden soll es aber an das vorerwähnte Kloster zurückgehen und ihm in Ewigkeit ohne jede Einwendung gehören. Wenn aber jemand, was ich nicht glaube, dass es geschehen wird, entweder ich selbst, Richgard, oder mein Beistand Ruadho oder irgendeine sich widersetzende Person es versuchen sollte, diese Übertragungsurkunde zu verletzen, so soll sie zur Strafe drei Unzen Gold und fünf Pfund Silber an die Staatskasse zahlen, und diese Übertragungsurkunde soll gestützt auf die Zeugen vollumfänglich in Kraft bleiben. Öffentlich vereinbart am Ort, welcher Wängi genannt wird, in Gegenwart jener, deren Zeichen hier enthalten sind. Zeichen der Richgard und ihres Beistand Ruadho, welche darum gebeten haben, dass diese Übertragungsurkunde erstellt werde. + Wanzo. + Lantolt. + Waltheri. + Wito. + Wolfdrige. + Pato. + Hungoz. + Ruadpert. + Cozolt. + Sigimunt. + Reginger. + Lantpret. + Sigimunt. + Wunnibold.
Ich aber, der unwürdige Mönch Purgolf, habe dies in Vertretung des Propsts Folchart geschrieben und unterzeichnet. Ich habe notiert den Donnerstag, den 14. Tag vor den Kalenden des August [= 19. Juli], im 37. Jahr unseres Herrn und Königs Ludwig [= 876], unter Graf Adalbert.
Beteiligte:
- Richgard: Eine durch Erbschaft begüterte Frau, die ihren Besitz in Brütten am 19. Juli 876 mit dieser Urkunde dem Kloster St. Gallen schenkte und stattdessen zusammen mit ihrem Beistand Ruadho bis zu ihrem Tod Besitz desselben Klosters in Glattburg bei Oberbüren zur Nutzung erhielt.
- Ruadho: Richgards Beistand, der mit Richgard handelte und mit ihr zusammen den Besitz in Glattburg zur Nutzung erhielt.
- Purgolf: Schreiber der Urkunde.
- Folchart: Propst des Klosters St. Gallen und Vorgesetzter Purgolfs, einer der besten Schreiber des Frühmittelalters, mit dem Folchart-Psalter als Hauptwerk (Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. Sang. 22).
- Hartmut: Abt von St. Gallen 872–883, eine führende Gestalt des Goldenen Zeitalters des Klosters St. Gallen (9. bis 11. Jahrhundert). Nach seinem Rücktritt als Abt lebte er bis zu seinem Tod noch längere Zeit als Inkluse in St. Gallen, eingemauert in einer Zelle.
- Adalbert: Adalbert II. war in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts Graf im Thurgau, ein einflussreicher Verbündeter des Abts von St. Gallen und Vertreter des Königs in der Region.
- König Ludwig: König Ludwig der Deutsche (806–876) war ein Enkel Karls des Grossen und regierte von 843 bis 876 das ostfränkische Reich, zu dem auch die heutige Ostschweiz gehörte. Er starb einen Monat nach der Niederschrift unserer Urkunde, am 28. August 876.
Lateinischer Originaltext:
Ego itaque Richkart cogitans pro remedio animę meę parentumque meorum memorque illius sententię, qua dicitur: Date et dabitur vobis, cum manu advocati mei Ruadhoi trado ad coenobium sancti Galli quicquid proprietatis hereditario iure mihi contingit in pago Turgaugensi [= Thurgau] in loco, qui dicitur Pritta [= Brütten], id est domibus ceterisque aedificiis, campis, pratis, pascuis, silvis, viis, aquis aquarumque decursibus, cultis et incultis, mobilibus et immobilibus et quicquid dici vel nominari potest, omnia videlicet ex integro tradita atque delegata esse volo ad predictum monasterium sancti Galli, cui modo venerabilis abba Hartmodus preesse dinoscitur, absque ullius contradictione perpetualiter possidenda; ea tamen pactione, ut ego ipsa Rihckart et advocatus meus Ruadho a rectoribus ipsius monasterii recipiamus quicquid in pago Turgauge in loco, qui dicitur Glataburc [= Glattburg, Gemeinde Oberbüren SG], habent et tempus vitę nostrae absque ullius contradictione possideamus. Post obitum autem amborum ad prefatum redeat monasterium absque ullius obstinatione in aevum possidendum. Si quis vero, quod fieri non credo, aut ego ipsa Rihckart aut advocatus meus Ruadho aut ulla opposita persona hanc kartam traditionis violare temptaverit, auri uncias III et argenti pondera V in fisco coactus persolvat, et haec karta traditionis nihilominus firma et stabilis permaneat cum testibus subnixa. Actum in loco, qui dicitur Uuengin [= Wängi, Bez. Münchwilen TG] publice, presentibus quorum hic signa continentur. Sig. Rihckartae et advocati eius Ruadhoi, qui hanc kartam traditionis fieri rogaverunt. † Vuanzo. † Lantolt. † Vualtheri. † Vuito. † Vuolfdrige. † Pato. † Hungoz. † Ruadpret. † Cozolt. † Sigimunt. † Reginger. † Lantpret. † Sigimunt. † Vuunnibold.
Ego itaque Purgolf indignus monachus ad vicem Folchardi prepositi scripsi et subscripsi (SS). Notavi diem iovis, hoc est XIIII kl. aug., anno XXXVII domni Hludouuici regis, sub Adalberto comite [Graf 859–894].