«Jochehaus» – Bäuerliches Leben in Brütten
Brütten war bis Mitte 20. Jahrhundert stark bäuerlich geprägt. Die Landwirtschaft war nicht nur die Existenzgrundlage, sondern bestimmend für die Gemeinschaft sowie das soziale Gefüge im Dorf. Sie zeigt sich auch in der Architektur und der Ausstattung der Häuser.
von Annina Sandmeier-Walt
Das «Jochehaus» ist ein gut erhaltenes, für die Region typisches sogenanntes Dreisässenhaus, ein Mehrzweckhaus mit Wohnbereich, Stall und Scheune. Es wurde im 17. Jahrhundert erbaut und mehrmals baulich ergänzt: 1731 kam eine Scheune dazu, 1835 ein Schweinestall, 1837 wurde es zweigeteilt und zum Doppelhaus umfunktioniert. Die einst mit Bohlen ausgestatteten Wände wurden durch Fachwerk ersetzt. Seit 1989 steht das Haus unter Schutz und wurde kurz darauf umfassend restauriert.1


2 Die Inschrift «HT 1731».: Der Neubau der Scheune 1731 ermöglichte ein Abladetenn mit einem grösseren Kuhstall und Heustock. Zudem entstand Platz für eine zweite Wohnung. Foto: Bruno Dürmüller.
Warum heisst es «Joche»?
Die Anzahl der im Dorf ansässigen Geschlechter war im 17. Jahrhundert übersichtlich. Die heute noch geläufigen Namen wie Baltensperger, Bosshart, Egli und Morf waren bereits damals verbreitet. Weil oft mehrere Personen den gleichen Vor- und Nachnamen trugen, etablierten sich Beinamen, die sich von Familie zu Familie vererbten.2 Der Name «Joche» geht wohl auf einen solchen Beinamen zurück. Hier wohnte der 1670 geborene Joachim Tryndler.3 Seine Nachkommen trugen den von seinem Namen abgeleiteten Beinamen Joche bis ins 20. Jahrhundert.
Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktion
Bis Ende des 18. Jahrhunderts war die Dreifelderwirtschaft und der Anbau von Getreide in Brütten vorherrschend, bevor dann – auch durch Überzeugungsarbeit des damaligen Pfarrers David Kitt – Kartoffeln angepflanzt wurden. Im 19. und 20. Jahrhundert gewann wie vielerorts die Vieh- und Milchwirtschaft an Bedeutung, während das traditionelle Rebwerk im Dättnau und in Brütten um 1920 aufgegeben wurde. Landwirtschaft war bis weit ins 20. Jahrhundert harte körperliche Arbeit und geprägt von gegenseitiger Hilfe. Mit der Mechanisierung verschwanden «leider auch die gemütlichen Stunden bei der Heu- und Getreideernte», wie Hedwig Morf in der «Geschichte der Gemeinde Brütten» von 1972 etwas wehmütig berichtete.4 Unter den Betrieben war Solidarität vereinbart: Musste ein Tier notgeschlachtet werden, war jede Person, die Vieh besass, verpflichtet, einen Teil des Fleisches zu kaufen.5 Mit der 1928 gegründeten «Landwirtschaftlichen Genossenschaft» konnten gemeinsam nutzbare landwirtschaftliche Geräte angeschafft und Weiterbildungen organisiert werden.

Sozialer Status und Landbesitz
Mit dem Umfang des Landbesitzes war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die soziale Stellung verbunden.6 Auf den Höfen ausserhalb des Dorfs und im Unterdorf waren grössere Betriebe angesiedelt, im Oberdorf kleinbäuerliche Familien. Diese hielten neben zwei bis drei Kühen auch Ziegen und waren oft auf Zusatzverdienst angewiesen. Frauen und Kinder betätigten sich vor allem über den Winter in der Heimarbeit.7 In den Stuben standen Seidenwebstühle, deren Erzeugnisse von den Frauen zu Fuss bis nach Zürich oder Uster gebracht wurden.8 Die Männer arbeiteten ab Ende des 19. Jahrhunderts in den umliegenden Fabriken, etwa bei Maggi, Rieter, Sulzer und der Lokomotivfabrik.

4 Darstellung der Parzellierungsverhältnisse vor der Melioration, 1963. Die Parzellen mit gleicher Farbe markieren den Besitzstand desselben Eigentümers. Vor der Melioration waren die Parzellen kleinteilig und der Besitz verstreut. Bild: Meliorations- und Vermessungsamt Zürich/ZBZ 4 Ky 19: 48: 1.
Neuaufteilung durch Melioration
Prägend für die Landwirtschaft in Brütten war die ab 1963 durchgeführte und 1971 abgeschlossene Gesamtmelioration. Die Zusammenlegung der Güter erlaubte eine rationellere Bodennutzung, sie weckte Fortschrittsglauben, aber auch Existenzängste. 1963 gab es 48 Landwirtschaftsbetriebe mit rund 550 Parzellen, die zum Teil über Generationen zum Familienbesitz gehört hatten und nun die Hand wechselten.9 Sechs Bauernfamilien verliessen das Dorf und siedelten aus. Die Miststöcke verschwanden aus dem Dorfbild.10 2018 gab es in Brütten noch 21 Betriebe im ersten Wirtschaftssektor und 71 Beschäftigte.11

5 Plan nach der Melioration von 1967. Sie führte zu grossen Veränderungen im Dorf. Obstbäume wichen rentablerer Ackerproduktion. Der Besitz wurde wo möglich durch Abtausch zusammengelegt, die Parzellen deutlich vergrössert. Bild: Meliorations- und Vermessungsamt Zürich/ZBZ 4 Ky 19: 48: 1.
- Zürcher Denkmalpflege, 13. Bericht 1991–1994, Von der kantonalen Denkmalpflege betreute Schutzobjekte sowie Abbrüche wichtiger Gebäude im Gebiet des Kantons Zürich und in den Städten Winterthur und Zürich, Zürich und Egg 1998, S. 31, in: https://www.zh.ch/content/dam/zhweb/bilder-dokumente/themen/sport-kultur/kultur/archäologie/denkmalpflege/vergriffene-publikationen/13_Bericht.pdf (abgerufen am 28.5.2026) ↩︎
- Hans Voegeli, Johannes Fisch, Wald, Wasser und Fluren, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 197–220, S. 213 f. Vgl. auch «Vo Bynäme innere höchere Gmeind». ↩︎
- Zürcher Denkmalpflege, 13. Bericht, S. 31. ↩︎
- Hedwig Morf, Das Leben in der Gemeinde, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 151–168, hier S. 158. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Isabell Hermann, Bauernhäuser des Kantons Zürich, Band 3, Band 3, Zürcher Weinland, Unterland und Limmattal, Basel 1997, S. 33. ↩︎
- Hermann, Bauernhäuser, S. 30. ↩︎
- Morf, Das Leben in der Gemeinde, S. 158. Vgl. auch Henry Weber, Neues vollständiges Ortslexikon der Schweiz, Zürich 1870, S. 79, in: https://www.digitale-sammlungen.de/view/bsb10801615?page=91 (abgerufen am 28.5.2026). ↩︎
- Zur Melioration siehe: Meliorations- und Vermessungsamt des Kantons Zürich, Oberforstamt des Kantons Zürich, Bericht zum Vorprojekt der Melioration Brütten Februar 1963, S. 4. ↩︎
- Hansueli Kägi, Brütten, [Brütten 2020], ohne Seitenzahlen. ↩︎
- Bundesamt für Statistik, Regionalporträts 2021: Kennzahlen aller Gemeinden, in: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.15864450.html (abgerufen am 28.05.2026). ↩︎
Titelbild: Das «Jochehaus» im Oberdorf. Es ist ein gut erhaltenes, für die Region typisches sogenanntes Dreisässenhaus, ein Mehrzweckgebäude mit Wohnbereich, Stall und Scheune. Bild: Bruno Dürmüller