«Schmitteplatz» – Handwerk und Gewerbe in Brütten
Neben der Landwirtschaft prägten Handwerk und Gewerbe den Arbeitsalltag in Brütten. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Fuhrwerke, Möbel und Kleider vor Ort angefertigt. Einige Gewerbezweige verschwanden bis heute, andere etablierten sich neu.
von Annina Sandmeier-Walt

1 Der Schmitteplatz in Brütten von Süden her gesehen um 1900. Auf dem Bild sind Adolf Morf, Schreiner und Chronist (1864 – 1932) und sein Sohn und später ebenfalls als Schreiner tätige Werner (verstorben 1970) abgebildet. Der Brunnen mit Jahreszahl 1825 und den Initialen «GB» wich in den 1980er Jahren einem Trottoir und findet sich heute weiter westlich an der Unterdorfstrasse wieder. Links hinter dem Brunnen die Schmiede. Bild: Sammlung Hansueli Kägi.
Handwerk und Gewerbe in Brütten war ganz auf die Bedürfnisse des Dorfs abgestimmt. Die vielen landwirtschaftlichen Betriebe hatten vor der Motorisierung einen grossen Bedarf an Rädern und Wagen. Diese besorgten zwei Wagner Das Aufziehen glühend heisser neuer Wagenreifen auf die vom Wagner zur Schmiede gebrachten neuen hölzernen Wagenräder bot ein besonderes Schauspiel: In einem grossen Reisighaufen wurden die Eisen zuerst erhitzt und die fertigen Wagenräder anschliessend zischend im Brunnentrog gekühlt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden am Schmiedeplatz zudem Pferde und auch Kühe beschlagen, letztere, weil sie häufig als Zugtiere dienten.1

2 Die noch ungeteerte Unterdorfstrasse mit der 1912 erbauten Transformatorenstation, dahinter die Sattlerei Baltensperger, die Wagnerei Isler und der Tröschschopf, 1936. Bild: Sammlung Hansueli Kägi.
Von der Selbstversorgung zur Konsumgesellschaft
Vor der Entstehung der heutigen Konsumgesellschaft ab den 1950er-Jahren mit grossen Warenhäusern und vermehrter Mobilität, wurden Kleider und Schuhe – es gab zuweilen bis zu drei Schuhmacher in Brütten – vor Ort hergestellt. Schreinereien sorgten für die Möblierung jeder Lebensphase: von der Wiege über die Aussteuer zur Hochzeit bis zum Sarg. Metzger verarbeiteten die Tiere der Bauernhöfe zu Fleisch und Bäcker stillten die Nachfrage nach Gebäck. Während die meisten Betriebe des täglichen Bedarfs mit dem veränderten Konsumverhalten schliessen mussten, expandierte die 1874 gegründete Bäckerei Bossart gar und unterhält heute weitere zwei Filialen an anderen Orten.

3 Die Bäckerei Bosshart um 1915, bereits in der 2. Generation betrieben. Das Geschäft verfügte über das erste Telefon im Dorf. Bild: Sammlung Hansueli Kägi.
Essen und Trinken
Die 1929 VOLG beigetretene Landwirtschaftliche Genossenschaft Brütten übernahm 1957 den privaten Dorfladen an der Dorfstrasse und baute ihn 1964 an der Brüelgasse neu aus. Doch schlingerte dieser zu Beginn der 1980er-Jahre nach einem Ausbau in roten Zahlen.2 Mehrere Appelle im örtlichen Mitteilungsblatt versuchten die Brüttener zum Einkauf im dorfeigenen Laden zu animieren. Doch erst ein Besitzwechsel sicherte die längerfristige Existenz.3 Heute ist der Laden Eigentum der Gemeinde.
Der Zuzug und die erhöhte Bautätigkeit ab den 1960er-Jahren verschaffte dem Brüttener Gewerbe Aufträge und belebte auch die Gastwirtschaften im Dorf.4 Letztere, früher oft im bäuerlichen Nebenerwerb betrieben, dienten vor allem den Männern im Dorf als Orte der Geselligkeit und dem Austausch von Neuigkeiten am Stammtisch.5 Die Gewohnheiten änderten sich sowohl im privaten Bereich als auch im Arbeitsalltag. Znünipausen wurden immer weniger in Gaststätten eingenommen, Stammtische blieben aus. Bis auf wenige Ausnahmen schlossen die Gastwirtschaften im Dorf.

4 Ausschnitt aus einer Postkarte mit dem Laden am alten Standort an der Dorfstrasse, als er noch Rudolf Friedrich Baltensperger-Gross, auch «Postfritz» genannt, gehörte. 1957 über nahm die Landwirtschaftliche Konsumgenossenschaft Brütten die Liegenschaft und den Laden. Bild: Sammlung Peter Baltensperger.
Platz für das Gewerbe
1960 erhielt die Gemeinde erstmals eine Bauordnung mit Zonenplan, die auch eine Gewerbezone umfasste.6 In den 1970er- und 1980er-Jahren führte diese immer wieder zu Diskussionen. Vor allem Gewerbetreibende setzen sich für die Gewerbezone ein, um Betrieben einen «Anreiz zur Ansiedlung» zu bieten.7 Zwischen 1975 und 1980 war das Quartier Zegli südlich der Unterdorfstrasse eine Gewerbezone, wurde dann aber wieder einer Wohn- und Gewerbezone zugeteilt.8 Heute verfügt Brütten mit dem Chätzler über eine kleine Gewerbezone. 1986 schlossen sich die Brüttener Gewerbetreibenden zur Gewerbegruppe Brütten (www.gewerbegruppebruetten.ch) zusammen, die heute über 60 Mitglieder hat. Betriebe aus verschiedenen Branchen setzen sich für eine Stärkung des lokalen Gewerbes durch Vernetzung, gemeinsame Werbung und Einflussnahme auf politische Entscheide ein.9

5 Diese Plaketten auf Pflügen zeigen, dass sie in der Pflugfabrik Brütten hergestellt wurden. Pflüge aus Brütten sind noch immer in ganz Europa im Einsatz. Ein häufig genutzter Typ war «Rival», datiert von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre, als die Mechanisierung der Landwirtschaft auch in Brütten neue Geschäftszweige eröffnete. Bild: zVg /Grösse, Typ, Jahrgang und Fabr. Nr. mit KI unkenntlich gemacht.
Umschlagbild: Der Schmitteplatz in Brütten von Süden her gesehen, 2026. Die Strassen sind geteert, die Schmiede und andere Handwerksbetriebe längst nicht mehr vorhanden. Bild: Bruno Dürmüller.
- Hedwig Morf, Das Leben in der Gemeinde, in: Geschichte der Gemeinde Brütten, [Brütten 1972], S. 151–168, hier S. 159. ↩︎
- Dahinter standen 60 Mitglieder, die solidarisch hafteten. Vgl. Brütten Mitteilungsblatt, 16. Oktober 1981. ↩︎
- Hansueli Kägi, Brütten, [Brütten 2020], ohne Seitenzahlen. ↩︎
- Gemeinden Brütten, Dättlikon, Neftenbach und Pfungen (Hg.), Begegnung mit 4 Gemeinden, Zürich 1991, S. 7. ↩︎
- Peter Baltensperger, Gemeinde Brütten [Brütten 2019], ohne Seitenzahlen und Hansueli Kägi, Brütten, [Brütten 2020], ohne Seitenzahlen. ↩︎
- Hansueli Kägi, Brütten, [Brütten 2020], ohne Seitenzahlen. ↩︎
- Brütten Mitteilungsblatt, 23. Januar 1981. ↩︎
- StAZH MM 3.158 RRB 1980/0328, Zonenplan (Änderung), 23. Januar 1980. ↩︎
- https://www.gewerbegruppebruetten.ch (abgerufen am 11. Juni 2026). ↩︎