Römisches Brütten

Die Steig war bereits zur Römerzeit Teil des römischen Wegnetzes von Winterthur (Vitudurum) nach Windisch (Vindonissa). An ihrem oberen Ende, in Brütten, stand ein stattlicher Gebäudekomplex. Vermutlich diente er als Station für die reisenden Menschen und Tiere.

Römisches Strassennetz

Die wichtige antike Überlandstrasse von Oberwinterthur zum Legionslager in Windisch verlief zwischen dem Steighof und dem Hof Breite nördlich der heutigen Zürcherstrasse. Sie war Teil des ausgedehnten römischen Strassennetzes, welches seit dem Alpenfeldzug unter Kaiser Augustus (63 v. Chr.–19 n. Chr.) die Versorgung der militärischen Lager, aber auch Transport und Handel auf dem Gebiet der heutigen Schweiz sicherstellte. Dabei handelte es sich meist um Schotter- oder Kies-Trassees von vier bis sieben Metern Breite.

Die Situation Brüttens im römischen Strassennetz von Oberwinterthur nach Windisch und die Befestigungsanlagen am Rhein unter Kaiser Valentinian im 4. Jahrhundert. Der Wachturm 41 sind die zwei sogenannten «Heidenburgen» bei Birchwil, die in die Römerzeit zurückgehen. Karte: Klassische Bibliothek der Universität Zürich.

Archäologisches Fieber

In der Nähe dieser römischen Strasse, auf den Fluren Steinmüri und Bäppur südlich der Bushaltestelle Harossen, kamen gemäss Berichten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder Steine zum Vorschein, die auf eine römische Besiedlung hindeuteten. Der Fund eines Ziegels mit dem Stempel der XXI. Legion im Jahr 1860 liess vermuten, dass hier zwischen 48 und 70 nach Christus gebaut wurde, als die XXI. Legion in Windisch stationiert war und in Rupperswil Ziegel brannte. Wiederholt haben Interessierte aus dem Dorf und gelegentlich ganze Schulklassen versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Lange ging man von einer römischen Villa aus, also einem Gutsbetrieb, von dem aus Ackerbau und vielleicht auch Viehzucht betrieben wurde.

Römische Keramikscherbe vom Rand einer Reibschüssel mit Ausguss. Eine Reibfläche aus feinen Quarz- oder Kalksteinchen auf der Innenseite ermöglichte das Zerreiben und Mischen von Kräutern und Gewürzen, ähnlich der heutigen Mörser. Foto: Kantonsarchäologie Zürich, Martin Bachmann.

Ein überraschender neuer Befund

Auf Anregung der Arbeitsgruppe 1150 Jahre Brütten führte die Kantonsarchäologie Zürich 2025 im Areal Magnetik- und Georadarmessungen durch, die neue Hinweise darauf geben, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Sie zeigen den überraschenden und interessanten Befund, dass auf dem Gelände mindestens drei teilweise sehr grosse Gebäude (schraffiert bzw. blaue Fundamente) standen. Von der römischen Überlandstrasse (gelb eingezeichnet) führte eine gepflästerte Zufahrtsstrasse (schwarz) in spitzem Winkel zu einem mehrteiligen Gebäudekomplex. Direkt an der Zufahrt konnte ein mittelgrosser Bau mit einer Erweiterung nach Westen festgestellt werden. Vor allem aber befand sich etwas nordwestlich davon ein stattlicher 50 Meter langer und 23 Meter breiter Bau, der weiter unterteilt war, mit einem 15 mal 11 Meter grossen Annex nach Süden. Südlich davon konnte ein weiterer quadratischer Fundamentgrundriss in der Grösse 8 auf 8 Meter bestimmt werden, wohl ein weiteres Gebäude. Im Lauf der Arbeiten kamen ausserdem zusätzliche Fundstücke zum Vorschein, darunter eine abgegriffene römische Münze und die hier abgebildete Scherbe.

Die Interpretation dieser neuen Resultate ist noch nicht abgeschlossen. Es könnte sein, dass sich in Brütten nicht, wie lange vermutet, ein römischer Gutshof befand, sondern eine gut ausgestattete Station mit einer Herberge und Stallungen für die Benützer der römischen Überlandstrasse, ähnlich wie sie auch in Rümlang nachgewiesen werden konnte. Der Verlauf der Strasse selber konnte in diesem Abschnitt durch die Arbeiten nun ebenfalls besser gesichert werden.

Cornel Dora, Historiker und Mitglied der Arbeitsgruppe Erinnerungsorte

Titelbild: Interpretation der Magnetik- und der Georadarmessung auf den Fluren Steinmüri und Bäppur, vgl. Text. Bild: Kantonsarchäologie Zürich / Ch. Hübner, GGH Solutions in Geosciences GmbH, Freiburg im Breisgau.